„Einfach mal selber nähen“ – ein Interview mit Christina von Bara Studio

Eigentlich wollte ich nur an einem Probenähen teilnehmen, doch nun ist daraus ein ganz wunderbares und spannendes Interview zum Thema „Nähen und Nachhaltigkeit“ geworden. Meine Interviewpartnerin Christina Brenneisen von Bara Studio ist ausgebildete Bekleidungstechnikerin und näht bereits seit sie 14 Jahre alt ist. Nach verschiedenen beruflichen Stationen in der Qualitätssicherung bekannter Textilunternehmen hat sie sich nun mit Bara Studio selbstständig gemacht. Ihr Motto: Einfache Schnitte, die dazu motivieren, einfach mal selber zu nähen.

 

Vom Probenähen zum Interview

Als Christina vor einigen Monaten zu einem Probenähen ihrer Sommerkollektion aufgerufen hat, war ich zunächst noch skeptisch, ob ich mich überhaupt melden soll. Das lag aber nicht an den Schnitten von Bara Studio, sondern an der Tatsache, dass es heutzutage aufgrund der hohen Bewerberzahl echt schwer ist in ein Probenähteam reinzukommen. Die Motivation mich zu bewerben hielt sich also in Grenzen. Da mir die Schnitte und vor allem das Konzept von Bara Studio aber so gut gefielen, habe ich mich gemeldet und Glück gehabt: Mein Projekt war also die sommerliche Shorts Alva. Auch wenn die Temperaturen gerade eher gegen Null gehen, zeige ich dir hier das Ergebnis der tollen Sommerhose – irgendwann wird es ja wieder Sommer 🙂

Shorts Alva von Bara Studio, genäht von myneedleworksShorts Alva von Bara Studio, genäht von myneedleworksShorts Alva von Bara Studio, genäht von myneedleworks

Nachdem ich die Hose genäht und mein Feedback zur Anleitung und zum Schnitt an Christina weitergegeben hatte, wollte ich gerne mehr über Bara Studio und das Konzept von DIY-Sets erfahren. Gesagt, getan – wir verabredeten uns telefonisch und plauderten zwei Stunden lang darüber, welche Idee hinter Bara Studio steckt, warum Christina ihre Kleidung fast ausschließlich selber näht und warum sie das auch jedem anderen empfehlen würde.

 

Wo kommt unsere Kleidung her?

Jeder, der sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt, hat sich vermutlich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wo eigentlich unsere Kleidung herkommt und wie sie produziert wird. Etiketten, Siegel und Zertifizierungen geben uns heutzutage zwar einen ganz guten Einblick, aber einen echten Blick hinter die Kulissen bleibt den meisten von uns verwehrt. Christina gehört zu den Menschen, die berufsbedingt genau das tagtäglich gesehen hat. Als Bekleidungstechnikerin und zuständig für die Qualitätskontrolle reiste sie im Auftrag namhafter Textilhersteller zu den Produktionsstätten ins Ausland wie z.B. nach Vietnam, China oder Indien. Auch wenn die Produktion vor Ort nach den vorgegeben Richtlinien des jeweiligen Landes abläuft, empfand Christina es stets als „irgendwie nicht richtig“. Ein Satz, der mir im Interview dazu hängen geblieben ist, war „Wenn du einmal gesehen hast, wie deine Kleidung in diesen Ländern hergestellt wird oder den Geruch einer Färberei in der Nase hattest, dann willst du diese Kleidung nicht mehr tragen.“ Sowohl die Massenproduktion, die häufig schlechte Qualität der Ware als auch die geringe Wertschätzung der Kleidung haben Christina dazu bewegt ihren Job an den Nagel zu hängen und sich mit einer Idee, die dem Ganzen entgegen wirken sollte, selbstständig zu machen.

Welchen Wert hat Kleidung noch?

Die Idee Schnitte und Nähanleitungen in Kombination mit hochwertigen Stoffen als DIY-Set anzubieten, kam Christina von rund 3 Jahren. Damals baute sie die Idee neben ihrem Job immer weiter aus, bis sie nun in diesem Jahr endgültig den Schritt in die Selbstständigkeit gemacht hat. Mit Bara Studio möchte sie nicht einfach nur schöne Schnitte zur Verfügung stellen, sondern Menschen dazu anregen ihre Kleidung selber zu nähen und so den Wert der Kleidung wieder stärker ins eigene Bewusstsein zu rücken. „Hinter jedem Kleidungsstück steckt eine Menge Arbeit und das weiß man eben nur, wenn man sie auch selber näht. Und erst dann versteht man auch, warum ein so komplexes Kleidungsstück wie eine Bluse nicht für 10 Euro verkauft werden dürfte, so wie es leider in vielen Läden der Fall ist“, erklärt Christina. Leider sieht aber genau so die Realität aus. Die Masse macht das Geschäft. Und die Masse können dann auch mal über 30.000 Blusen einer Sorte in einer Produktionshalle sein; das zumindest hat Christina u. a.  in einer Halle gesehen, die zu einem bekannten Unternehmen gehörte, das Kleidung sehr günstig an ein eher junges Publikum verkauft. „Letztendlich bestimmen wir mit unserem Kaufverhalten den Preis. Und wenn wir das nicht ändern, dann ändert das keiner“, so Christina.

 

Selber nähen ist nachhaltig

Ja, das eigene Verhalten ändern, klingt immer leichter gesagt als getan. Ich selbst versuche bereits seit einiger Zeit nachhaltiger zu leben und mir einen bewussteren Umgang mit Konsumgütern anzueignen. Dazu gehört für mich eben auch, Dinge einfach selber zu machen. Angefangen bei Lebensmitteln in der Küche über Kosmetik bis hin zu Kleidung und Accessoires – ob genäht, gestrickt oder gehäkelt spielt dabei kein Rolle. Hauptsache es macht Spaß! Christina geht dabei sogar noch einen Schritt weiter. Sie näht fast ihre gesamte Kleidung selbst und hat mittlerweile nur noch vereinzelte Kleidungsstücke im Schrank, die tatsächlich gekauft sind. Ich persönlich finde das ziemlich beeindruckend, wissen wir doch alle, wie viel Kleidung jeder von uns im Durchschnitt besitzt. Aber genau hier setzt Christina an: „Da ich meine Kleidung selber nähe, weiß ich jedes einzelne Stück mehr zu schätzen als ich es bei gekauften Teilen tue. Ich besitze dadurch natürlich weniger, schmeiße aber auch weniger weg. Das gibt mir ein sehr gutes Gefühl und das würde ich gerne mit meinen Schnitten an die Selbermacher weitergeben.“

Das Gespräch mit Christina hat mich tatsächlich dazu motiviert, mich noch stärker mit den dem Thema Kleidung und Kleidung kaufen bzw. selber nähen auseinanderzusetzen. Ich werde es vermutlich nicht ganz schaffen, all meine Kleidung selber zu nähen, aber wenigstens einen kleinen Teil davon. Beim Rest, den ich mir dann kaufe, werde ich zumindest darauf achten, wie und wo das Kleidungsstück hergestellt wurde – das ist dann mein weiterer kleiner Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit 🙂

 

Über Bara Studio

Christina Brenneisen von Bara StudioVor rund einem Jahr hat Christina Brenneisen, 29 Jahre alt, Bara Studio ins Leben gerufen. Ihr Konzept: Einfache Schnittmuster mit den dazu passenden Stoffen (Bio-Qualität) in einem DIY-Set anzubieten – und zwar für jeden, der Lust hat seine Kleidung selber zu nähen. So bedeutet auch das Wort „bara“ auf schwedisch „einfach“, was gleichzeitig für den Grundwert ihres Unternehmens steht. Alle Nähanleitungen von Bara Studio sind anfängertauglich und als Baukastensystem mit verschiedenen Add-ons erhältlich. In der aktuellen Herbst/Winterkollektion gibt es u.a. super bequeme Loungewear zum Selbernähen – perfekt geeignet für Kuscheltage Zuhause. Neben ihrer Webseite kannst du die Schnitte auch bei makerist und Sewunity erwerben. Bei Bedarf verschickt Christina auch Stoffmuster von ihren im Set enthaltenen Stoffen.

 

Liebe Christina, ich danke dir für das tolle Interview und wünsche dir mit deiner neuen Herbst/Winterkollektion alle erdenklich Gute!
Ich werde auf jeden Fall wieder etwas von dir nähen 🙂

Liebe Grüße
Gabi

Anmerkung: Alle hier verwendeten Bilder von Bara Studio gehören Christina Brenneisen und dürfen ohne Genehmigung nicht weiterverwendet werden.